Interviews

Ellen Allien – Eine Frau geht ihren Weg

Ellen Allien – Eine Frau geht ihren Weg

17. Oktober 2013

Berlin, was für eine Stadt! Ein Ort der Superlative, positiv wie auch negativ, ein Ort der Gegensätze, kosmopolitisch und provinziell zugleich, protzig und dabei völlig verarmt… Bundeshauptstadt und Regierungssitz, Besuchermagnet und kreative Keimzelle. Mitten drin: ELLEN ALLIEN. DJ, Künstlerin, Label-Betreiberin und neuerdings auch Modeschöpferin von Weltruf, dabei fester verwurzelt in ihrer Heimatstadt als das Brandenburger Tor. Berlin dankt es ihr und sie dankt es Berlin. Ihr erstes Studio-Album aus dem Jahr 2001 nennt sie „Stadtkind“, zwei Jahre später erscheint „Berlinette“, Reminiszensen an ihren Kiez und – wie alle Produktionen davor und danach – geprägt vom niemals ruhenden Puls der Stadt.
Bei einem Aufenthalt in London zieht sie 1988 die gerade explodierende Acid-House-Welle in ihren Bann, wieder zurück im gerade zusammenwachsenen Berlin nach dem Mauerfall stößt sie mit ihrer Interpretation technoider Klangwelten auf offene Ohren. Ausgehend vom „Fischlabor“ als Geburtsort der dortigen Elektronikszene, hangelt sie sich durch die gesamte Berliner Club-Szene und ist dort bis heute mit Haut und Haaren verankert. DJ-Sets in den renommiertesten Clubs und auf den größten Festivals rund um den gesamten Globus bilden eine willkommene Abwechslung, aber der Weg führt immer wieder zurück. Ihr 1999 gegründetes Label BPitch Control bildet die ideale Plattform für die Veröffentlichung ihrer eigenen musikalischen Visionen als auch denen von Gesinnungsgenossen aus Berlin und der ganzen Welt. Künstler und Acts wie Paul Kalkbrenner, Modeselektor, Toktok oder Sascha Funke fanden hier ein zeitweiliges Zuhause. ELLEN ALLIEN ist nun weder die erste noch die einzige Frau, die bleibende Spuren in den Annalen der Techno- und DJ-Historie hinterlassen hat, dennoch wirkt sie ähnlich wie eine Miss Djax, Monika Kruse oder auch Miss Kittin immer noch eher wie eine Exotin in einem von Testosteron dominierten Biotop. mix&scratch setzte sich in den Flieger nach Berlin, um im BPitch Control-Headquarter am Hackeschen Markt diese Problematik und die Essenz des DJing zu erläutern.

mix&scratch: In der deutschen Politik diskutiert man seit geraumer Zeit eine Erhöhung der Frauen-Quote in den Führungsetagen deutscher Wirtschaftsunternehmen. Momentan liegt diese gerade einmal bei rund drei Prozent. In der deutschen als auch internationalen DJ-Szene sieht diese Geschlechterverteilung auch nicht viel besser aus. Woran liegt das deiner Meinung nach?
ELLEN ALLIEN: Ich selbst habe das nie als Problem gesehen. Als ich Anfang der 90er mit dem DJing begann, waren auch eher Männer meine Vorbilder, einmal abgesehen von Miss Djax oder Electric Indigo, die damals im Berliner Hard Wax jobbte. In Berlin gelten Frauen, vielleicht auch mehr als in anderen Städten, als starke Persönlichkeiten. Mittlerweile gibt es hier auch unheimlich viele Frauen, die die Berliner Szene prägen. Ich beschäftige viele Mitarbeiterinnen bei meinem Label und auch mehr und mehr Releases kommen von Frauen. Richtig ist natürlich, dass gerade bei den Slots von großen Festivals immer noch Männer die Prime Time dominieren. Vielleicht liegt das an althergebrachten Seilschaften. Frauen sind auch einfach subtiler, schauen nach rechts und nach links, während Männer strikt geradeaus blicken und deshalb auch mehr auf ihren Erfolg fokussiert sind.

mix&scratch: Kann denn dieses Missverhältnis möglicherweise auch an dem althergebrachten Klischee liegen, Frauen hätten eine geringere Affinität zur Technik als Männer?
ELLEN ALLIEN: Wenn ich mir einige männliche DJs anschaue, habe ich nicht das Gefühl, ihre Mix-Technik wäre besser als meine oder die anderer Frauen. Selbst wenn das behauptet wird, ist das noch lange nicht richtig. Diese reaktionäre Weltanschauung ist doch längst überholt, in über vierzig Prozent der deutschen Haushalte ernährt die Frau die Familie und auch in klassische Handwerksberufe drängen immer mehr Frauen. Das ist Fakt, alles andere ist chauvinistisches Wunschdenken. Vor einiger Zeit habe ich an einem Boiler Room teilgenommen, das sind Veranstaltungen, bei denen DJs für YouTube gefilmt werden, und die Reaktionen waren bezeichnend. Ich legte ein wirklich schwer zu mixendes Freestyle-Set mit teils alten, teils neueren Sachen auf und musste zudem mit schlechten Monitor-Boxen kämpfen. Meiner Meinung nach war dieses Set trotz der widrigen Umstände wirklich gut, aber anschließend zerrissen sich einige Typen das Maul, ich könne ja gar nicht mixen, sollte erst einmal Beat Counting lernen. Ich fand das so dreist! Klar kannst Du mit den momentan auf dem Markt befindlichen digitalen Möglichkeiten, wie zum Beispiel Traktor, sehr viel sauberer arbeiten, aber das bin nicht ich. Zum DJing gehören für mich Überraschungen, dass unvorhersehbare Dinge passieren und wenn Du mit analogen Gerätschaften auflegst, geschehen die zwangsläufig.

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