Interviews

Ellen Allien – Eine Frau geht ihren Weg

Ellen Allien – Eine Frau geht ihren Weg

17. Oktober 2013

mix&scratch: Das ist sicherlich richtig, erklärt aber trotzdem nicht, warum weibliche DJs in so geringem Ausmaß wahrgenommen werden!
ELLEN ALLIEN: Das kann ich selbst nicht so genau erklären, vielleicht liegt es ganz allgemein an der Dominanz von Männern, auch unter den Besuchern von Veranstaltungen wie Mayday oder Time Warp. Vielleicht hängt es auch damit zusammen, dass Männer gerne bestimmen, wo es langgeht und als DJ bestimmst du ja den Verlauf einer Nacht. Als DJ bist du der Held und ist es nicht das, was Männer gerne sein möchten… ein Held? Ich weiß es nicht, das ist nur eine Vermutung.

mix&scratch: Wie ist denn Dein Verhältnis zur Technik ganz allgemein? Bist Du ein richtiger Nerd oder ist die Technik für Dich nur Mittel zum Zweck?
ELLEN ALLIEN: Meine Stärken liegen in der Kreativität. Wenn ich eine Idee habe, gehe ich damit zu einem Ton-Ingenieur, der sie für mich umsetzt. Das nennt man Arbeitsteilung und hat nichts damit zu tun, dass ich dazu zu dumm bin, sondern einfach keine Lust und keine Zeit habe, stundenlang am Computer herumzufrickeln. In Amerika oder England ist das ganz normal. Es gibt aber auch Frauen, die alles machen, wie beispielsweise AGF.
Ellen Allien
mix&scratch: Nach all dem, was Du bisher so erzählt hast, repräsentierst Du dann wohl eher die Old School! Beim Auflegen verzichtest Du auf digitale Hilfsmittel wie Serato, Traktor oder Virtual DJ!
ELLEN ALLIEN: Nein, ich stehe irgendwo in der Mitte. Mittlerweile lege ich weder Platten noch CDs auf, sondern verwende .wave-Dateien. Ich benutze zwar nicht das von Dir genannte Equipment, aber ich verwende einen Pioneer CD 2000, der sowieso schon in den meisten Locations vorhanden ist. Der CD 2000 ist nun einmal auch ein Computer. Der hat Loops, ich sehe die Dateien, die Effekte bringe ich selbst mit, aber ich möchte nicht die ganze Zeit über auf den Monitor schauen. Das nervt auf Dauer und dadurch verändert sich auch die Musik beziehungsweise die Art und Weise des Auflegens. Die CD-Player sind so aufgebaut, dass ich immer alles im Blick habe. Musikalisch reicht mein Set von frühem Electro aus den 80er Jahren bis hin zu unveröffentlichten Demos. Die alten Vinyl-Scheiben habe ich in mühevoller Kleinarbeit über Monate hinweg digitalisiert. CDs betrachte ich als Umweltverschmutzung und völlig überflüssige Zeitverschwendung.

mix&scratch: Je komplexer sich das technische Equipment gestaltet, desto anfälliger wird es auch für eventuelle Fehler oder sogar Ausfälle. Beschäftigen Dich solche Faktoren, während Du auflegst?
ELLEN ALLIEN: Technische Probleme können immer auftauchen, egal welches Material du verwendest. Beim Plattenspieler kann ja schließlich auch die Nadel springen oder das Vinyl ist zerkratzt. Für mich ist das aber wirklich kein Thema, zumal Technics keine SL 1210 mehr baut und das Personal in vielen Clubs auch gar nicht mehr weiß, wie man die Dinger überhaupt erdet. Die Zeiten haben sich einfach geändert, mit den digitalen Möglichkeiten erreichst Du einfach einen sehr viel besseren Klang mit klareren Mitten und Höhen.

mix&scratch: War der Umstieg auf digitale Tonträger ein schleichender Prozess oder gab es da ein einschneidendes Erlebnis?
ELLEN ALLIEN: Lustig, dass Du mich das fragst, denn mein Umstieg hat tatsächlich einen konkreten Hintergrund. Vor einigen Jahren wurde ich in einen meiner Lieblings-Clubs, das Nitsa in Barcelona, gebucht. Am dortigen Flughafen angekommen, waren meine Plattenkoffer verschwunden und tauchten auch nach stundenlangem Warten immer noch nicht auf. Gottlob hatte ich mein Notebook mit massenhaft gespeicherten Tracks dabei. Da Not ja bekanntlich erfinderisch macht, besorgte ich mir Rohlinge und brannte alles auf CD. In dieser Nacht benutzte ich erstmals einen CD-Player beim DJing und trotz der widrigen Umstände wurde es eine richtig geile Party. Damals wurde mir klar, beim Auflegen geht es um die Selektion, die Auswahl deiner Tracks und nicht um das Medium oder die Technik. Am Ende des Tages musst du selbst entscheiden, was zu Dir am besten passt, aber du solltest es vorher getestet haben und dich nicht von Meinungen oder Vorurteilen leiten lassen.

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